Laufen für einen guten Zweck: Hunderte Sportler auf dem Weg nach Smara. © UNO-Flüchtlingshilfe/D. Kappe

Laufen für einen guten Zweck: Hunderte Sportler auf dem Weg nach Smara. © UNO-Flüchtlingshilfe/D. Kappe

Saharamarathon: Laufen für sahrauische Flüchtlinge

Smara/Westsahara - Mehr als 400 Läufer aus 19 Nationen sind beim diesjährigen Saharamarathon in Smara an den Start gegangen. Die Sportler konnten dabei durch Spenden rund 15.000 Euro für das Flüchtlingsvolk der Sahrauis sammeln, die seit mehr als 30 Jahren isoliert in Lagern in der algerischen Sahara leben und seit 1985 von UNHCR und seinen Partnern versorgt werden müssen.

"Es ist schon unglaublich, mit welchem Enthusiasmus die Sahrauis den Marathon unterstützen. Die Veranstaltung macht den Menschen Mut und gibt ihnen ein wenig Lebensfreude, die sie in ihrem tristen Alltag zumeist vergeblich suchen", skizziert Dietmar Kappe vom deutschen UNHCR-Fundraiser, der UNO-Flüchtlingshilfe, das Ereignis vor Ort. In diesem Jahr haben insgesamt wieder mehr Sportler den steinigen Weg nach Smara gefunden, wo fast 45.000 Menschen unter einfachsten Bedingungen in Lehmhütten oder Zelten wohnen. "Allerdings sind nur 24 Läufer aus Deutschland und Österreich mitgekommen", so Kappe, "(...) was sicherlich nicht zuletzt mit der angespannten Sicherheitslage und den extremen Witterungsbedingungen zu tun hat."

Kalte Nächte knapp über Null und heiße, trockene Tage mit über 40 Grad sind für die Sportler und Mitgereisten alles andere als Pauschalurlaub: Die Versorgungslage ist schlecht, ebenso wie die Infrastruktur. Es gibt eine Handvoll Shops in denen einfache Haushaltswaren, Schmuck und Grundnahrungsmittel angeboten werden, die zumeist aus Mauretanien und China stammen. Im einzigen 'Restaurant', einem kleinen Lehmbau mit abgewetzten weißen Plastikstühlen, bieten drei männliche Jugendlichen warme Dosenlimonade zum Kauf an. Gäste gibt es keine. Alkohol ist verboten. Hinter der mit blumigem Geschenkpapier eingewickelten Spanplattenwand quillt Fettgeruch in den diffus beleuchteten Raum. Man hört etwas bruzzeln. Dennoch ist kaum ein Gebäude mit Strom versorgt, der zumeist durch alte Autobatterien gewonnen wird. Einige wenige haben Solarzellen, die ihnen Verwandte aus Spanien mitgebracht haben. Ohne Taschenlampe ist man als Fremder in diesem riesigen Lager schnell verloren. Es gibt einen Friseur und zwei Handyläden, in denen kaum Handys, wohl aber farbige Oberschalen, Kabel oder Nokia-Prospekte angeboten werden.

Unter den deutschsprachigen Gästen ist auch Manuel Andrack, Redaktionsleiter der ARD-Sendung 'Schmidt & Pocher" mit in die Sahara gekommen. Der Kölner ist prädestinierter Wanderer und hat bereits einige seiner Wanderabenteuer publiziert. Seine angestrebte Wüstenwanderung steht allerdings in starkem Kontrast zu seinen bisherigen Erfahrungen, die sich zumeist auf das Mittelgebirge konzentriert haben. Daneben ist Andrack aber auch FC-Fan und hat gleich ein paar Trikots des Fußball-Zweitligaklubs für die Flüchtlingskinder mit eingepackt. Auch der ihn begleitende Fotograf Matthias Jung kommt mit Poloshirts seines Auftraggebers 'Stern'. "Es fehlt an allem, und gerade die vielen Kinder benötigen dringend Hilfe und Perspektiven", so Dr. Reinhold Friedl von der UNO-Flüchtlingshilfe, Regionalstelle Nord.

UNHCR hat alle Hände voll zu tun, die Bewohner von Smara und den angrenzenden drei Übergangslagern um die Stadt Tindouf mit dem Nötigsten zu versorgen. Das World Food Programme (WFP) liefert 70.000 Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr. Schulspeisungen liefern einen zusätzlichen Anreiz für die Kinder die Schulen zu besuchen; die Anwesenheitsrate liegt bei 100 Prozent.

Insgesamt gibt es knapp 170.000 Sahrauis. Seit ihrer Flucht 1975 aus Regionen in der Westsahara leben die meisten im Südwest-Zipfel Algeriens. Seit 1991 ruhen die Waffen in dem Gebiet. Ein Referendum über den Status der Westsahara und somit auch über die Zukunft der Sahrauis konnte von den Vereinten Nationen bislang nicht durchgeführt werden. Solange müssen die Menschen weiter in ihren Camps geschützt leben und sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. UNHCR fördert darüber hinaus ein Besucherprogramm, das es ermöglicht die getrennten Familien nach Jahrzehnten wieder zusammenzuführen.

UNO-Flüchtlingshilfe, die Bild-Stiftung und weitere Spender aus Österreich finanzierten mit 50.000 Euro den Ankauf von Schulbüchern für den Arabisch- und Mathematikunterricht. Viele Kinder konnten mit Schulkleidung ausgestattet und Schulräume nach dem überraschenden Hochwasser 2007 wieder instand gesetzt werden. Die jetzigen Spendengelder der Läufer sollen in den Bau eines Sportzentrums fließen, damit Kinder und Jugendliche einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgehen können.

Der Marathon ist das Highlight für die Sahrauis und eingebunden in weitere Veranstaltungen, wie einer Parade und ein Kinderlauf am nächsten Tag. "In den restlichen Jahreswochen gibt es kaum Veranstaltungen und schon gar nichts Vergleichbares", freut sich Nadjat Hamdi als mitgereiste Vertreterin der Sahrauis in Deutschland und Österreich über das stetig wachsende Teilnehmerfeld. Der Saharamarathon findet seit 2000 statt. Die Strecke selbst zieht sich durch die anderen Lager, wo die Läufer das Spalier von begeisterten Schulkindern und jubelnden Frauen nehmen müssen, bevor sie durch die sengende Hitze und über meterhohe Dünen bis zurück nach Smara laufen müssen.

Den Marathon 2008 gewann schließlich Pedro José Hernández Sanchez in einer für die Witterungsverhältnisse äußerst respektablen Zeit von 2:43,25 Stunden vor Daniel Mothiba aus Südafrika (2:52,09). Bei den Frauen siegte Madeleine Lorenz (Deutschland) in 3:30,26 Stunden und ist damit die schnellste Frau, die jemals den Saharamarathon gelaufen ist. Manuel Andrack benötigte für die halbe Distanz fast eine halbe Stunde länger. Andrack wanderte ja auch. Ohne Stock, aber mit Hut.

Von Rouven Brunnert, UNHCR


Veröffentlicht am: 29.02.2008