In Vergessenheit: Kolumbiens Binnenvertriebene

Kartagena - Blaue Wellen, weißer Pudersand und sanften Briesen locken die Touristen an die karibischen Küsten Kolumbiens. Aber sehen sie den Mann, der dort Liegestühle vermietet? Nicht die tropische Idylle hat ihn angelockt, vielmehr war es die Aussicht auf Sicherheit.

Die Mutter von Eliecer Baron wurde vor 14 Jahren in dem nord-kolumbianischen Gebiet Uraba getötet, als sie sich bewaffneten Milizen entgegenstellte, die ihre Rinder stehlen wollten. "Zuerst zog ich in ein anderes Gebiet um, nach Sucre, dort konnte ich mein Leben als Landwirt fortsetzen", sagt der 53-jährige. "Nach nur zwei Jahren erreichten die Kämpfe Sucre. Damals beschloss ich nach Kartagena zu gehen."

Jeden Woche kommt eine neue Familie aus einem anderen gewaltanfälligen Gebiet Kolumbiens. Eliecer und andere Binnenvertriebene haben am Strand von Kartagena ein Eckchen für sich gefunden und in den Außenbezirken der Stadt eine Siedlung etabliert.

Sie teilen das Schicksal vieler anderer Binnenvertriebener, die sich auch nur dort niederlassen konnten, wo niemand sonst wohnen wollte. Als sie ankamen, gab es in dem Gebiet keine Elektrizität oder kommunale Dienstleistungen. Die Stadt begründete dies damit, dass das Gebiet anfällig für Überschwemmungen sei und die Besitzfrage ungeklärt sei. Die Binnenvertriebenen wie Eliecer mussten sogar Trinkwasser in Eimern einkaufen.

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert und die örtlichen Behörden stellen sowohl Wasser als auch Elektrizität zur Verfügung. Eliecer und 118 weitere Binnenvertriebenen-Familien, die eine eigene Organisation gegründet haben, sind dank der Unterstützung durch UNHCR mittlerweile in der Lage für ihre Rechte einzutreten und diese einzufordern.

"Es passiert häufig, dass wir den Behörden sagen müssen, wozu sie gegenüber Binnenvertriebenen gesetzlich verpflichtet sind", sagt ein Mitglied von Eliecers Organisation. Die Organisation unterrichtet zudem die Binnenvertriebenen, damit diese an den speziellen staatlichen Programmen teilnehmen können.

Frauen stellen die überwältigende Mehrheit der Gruppe. "Eliecer ist ein Ehrenmann", sagt Mitglied Ana. "Er weiß mit Menschen umzugehen, ist respektvoll und überdies weiß er jede Menge über Organisation, Gesetze und unsere Rechte."

Zusätzlich zu seiner beratenden Tätigkeit, bemüht sich Eliecer, wie so viele der vertriebenen kolumbianischen Landwirte, um die Unterstützung seiner Familie. Aber miit dem Vermieten von Liegestühlen erzielt er nur ein mäßiges Einkommen und seine Frau konnte seit vier Jahren nicht mehr arbeiten.

"Sie sah, wie meine Mutter getötet wurde und seitdem leidet sie unter hohem Blutdruck", sagt er. "Irgendwie hat das im letzten Jahr ihre Nieren angegriffen und nun benötigt sie alle zwei Tage eine Dialyse."

Gegenwärtig gibt es mit den ursprünglichen Eigentümern Konflikte um das ehemals verlassene Gebiet, das Eliecer und die anderen Binnenvertriebenen ihr Zuhause nennen. Aber nachdem er zweimal sein Zuhause verloren hat, bleibt Eliecer hart.

"Wir sind schon mal vertrieben worden", sagt er mit Bestimmtheit. "Nun bleiben wir. Wir haben das Recht dazu."


Veröffentlicht am: 09.12.2009